Michael Ocampo/flickr.com (cc by 2.0)">Rollstuhlfahrer auf Rampe von Bus in San Francisco

Fernbusse in Deutschland und Rollstuhlgerechtigkeit

Rollstuhlfahrer auf Rampe von Bus in San Francisco

Foto: Michael Ocampo/flickr.com (cc by 2.0)

Seit Anfang 2013 ist das Monopol der Bahn auf Fernstrecken hinfällig. Nun dürfen Busunternehmen auch mit Fernbuslinien wie in anderen Ländern größere Distanzen bedienen. Nach den ersten Planungen wurde von Selbsthilfeverbänden deutliche Kritik laut, denn die Änderung des Personenbeförderungsgesetzes zu diesem Zweck sah keine verpflichtende Barrierefreiheit in Bussen vor. Nach einiger politischer Intervention, insbesondere durch den Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK e.V.), wurden die Betreiber von Fernbussen schließlich doch noch verpflichtet, Busse barrierefrei auszustatten – aber es gilt eine Übergangsregelung. Können Rollstuhlfahrer nun also auch mit dem Fernbus verreisen? Wir haben uns auf die Suche gemacht – und bei langen Recherchen viel erfahren.

Rechtlicher Hintergrund zu Fernbussen und Barrierefreiheit

Mit der Änderung des Personenbeförderungsgesetzes, die das Bahn-Monopol auf Fernstrecken zu Fall brachte, wurden auch die technischen Anforderungen an die eingesetzten Fernbusse definiert: so müssen alle Fernbusse zwei Rollstuhl-Stellplätze samt Lift vorhalten, und der Bus muss barrierefrei gestaltet sein. Allerdings gilt eine Übergangsregelung, weil die Gesetzesänderung erst sehr spät erfolgte: diese Klausel gilt für alle ab dem 1. Januar 2016 erstmals zugelassenen Fernbusse. Erst ab 1. Januar 2019 müssen endgültig alle Fernbusse diesem Standard entsprechen – sonst dürfen sie nicht mehr auf Fernbuslinien eingesetzt werden, wenn damit keine Rollstuhlfahrer befördert werden können.

Rollstuhlgerechte Fernbusse in der Praxis

Mobilista.eu hat sich mit den größten derzeitigen Anbietern von Fernbussen auseinandergesetzt und den Dialog gesucht. Das Ergebnis war ernüchternd: alle Anbieter beklagten Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Anforderungen. Insbesondere die sehr vage und unpräzise Formulierung, dass die Busse „barrierefrei“ sein müssen, sorgt für Probleme in der Umsetzung. Denn ein Rollstuhlstellplatz sowie ein Rollstuhllift allein machen einen Fernbus noch lange nicht barrierefrei. Die Toiletten beispielsweise sind bauartbedingt meist tiefer gelegen und unmöglich mit einem Rollstuhl zu erreichen. Zudem stellt der Gesetzgeber keinerlei Anforderungen an die Haltestellen, die ein Fernbus ansteuert – hier kommt das bereits von der Bahn allseits bekannte Problem der Höhenunterschiede ins Spiel. Und nicht zuletzt beklagen auch manche Anbieter die hohen Kosten des Umbaus sowie die reduzierte Platzzahl.

Das Fazit fällt damit ernüchternd aus. Wir haben acht Fernbus-Anbieter befragt, ob sie bereits rollstuhlgerechte Fernbusse in ihrer Flotte haben. Drei Anbieter haben bislang nicht geantwortet, fünf weitere teilten einhellig mit, dass aufgrund der noch ungeklärten Rechtslage derzeit keine rollstuhlgerechten Fernbusse eingesetzt würden. Zu begrüßen ist hingegen, dass sich mehrere Anbieter sowie die Industrie aktiv an Arbeitskreisen beteiligen, um die neue Gesetzeslage umzusetzen, und zwei Anbieter teilten sogar mit, dass sie (vorausgesetzt, dass bis dahin ein industrieller Standard umgesetzt werden konnte) schon ab 2015 rollstuhlgerechte Fernbusse einsetzen würden.

Mehrere Anbieter erklärten auch, dass sie bereits Rollstuhlfahrer transportieren – dann natürlich nicht im eigenen Rollstuhl, sondern auf einem regulären Sitz im Bus. Das Personal sei geschult und angewiesen, Rollstuhlfahrern beim Einstieg sowie beim Verladen des Rollstuhls zu helfen. Alle jedoch bitten um Voranmeldung, da der Gepäckraum begrenzt ist und vorab geprüft werden muss, ob der Rollstuhl überhaupt in die recht beengten Gepäckfächer des Busses passen.

Mobilista.eu bleibt an diesem Thema – derzeit befragen wir einige Anbieter von rollstuhlgerechten Fernbussen im Ausland, zudem versuchen wir, etwas über den derzeitigen Status quo bei den Planungen in Industrie und Arbeitskreisen zu erfahren. Bis dahin bleibt Rollstuhlfahrern nichts, als sich mit dem Anbieter von Fernbuslinien direkt in Verbindung zu setzen und die Möglichkeiten auszuloten, ob sie mit dem Rollstuhl im Fernbus verreisen können.

Update: FlixBus.de mit rollstuhlgerechtem Bus

Als Nachzügler erreichte uns inzwischen auch eine Auskunft von FlixBus.de – die eine überraschende Wende in unsere Berichterstattung bringt. Denn tatsächlich betreibt der FlixBus-Partner AllgäuAirportExpress auf der Strecke München – Zürich bereits einen rollstuhlgerechten Bus und plant bis zur gesetzlichen Umsetzungsfrist 2016 die Beschaffung weiterer rollstuhlgerechter Busse.

Überblick – Fernbus-Anbieter und Rollstuhlgerechtigkeit

AnbieterEinführungErmäßigungenSonstiges
ADAC-Postbus.deStrecke Berlin-Hamburg rollstuhlgerechtBegleiter kostenlos bei GdB ab 50%
BerlinLinienbus.deab 2014Kostenlose Mitfahrt für Begleiter bei Merkzeichen "B"Personal-Schulung, Hilfeleistung bei Ein- und Ausstieg sowie bei Pausen
CuxBus.de???
DeinBus.de2016Kostenlose Fahrt mit gültiger Wertmarke, kostenlose Mitnahme von Begleitperson bei Merkzeichen "B"Personal-Schulung und Hilfestellung, um Rollstuhlfahrer (wenn möglich) auf normalem Sitzplatz zu transportieren
Eurolines.de / Touring201650% Ermäßigung bei gültiger Wertmarke auch international, kostenlose Mitfahrt Begleiter bei Merkzeichen "B" (bei grenzüberschreitendem Verkehr 50% Rabatt)
FlixBus.de2016 (-> Sonstiges)50 Prozent Rabatt für Rollstuhlfahrer, kostenlose Begleitperson bei Merkzeichen "B"AllgäuAirportExpress München <-> Zürich mit einem rollstuhlgerechtem Bus, sonst Hilfestellung.
IC BusStrecke Mannheim-Nürnberg, ab 2014 alle NeufahrzeugeKostenlose Mitfahrt für Begleiter bei Merkzeichen "B", BahnCard wird akzeptiertPersonal-Schulung, Hilfeleistung bei Ein- und Ausstieg sowie bei Pausen
MeinFernbus.de201650 Prozent Rabatt für Rollstuhlfahrer, kostenlose Begleitperson bei Merkzeichen "B"Personal-Schulung und Hilfestellung, um Rollstuhlfahrer (wenn möglich) auf normalem Sitzplatz zu transportieren
Univers-Reisen.de (Aldi Fernbus)2015 (wenn seitens Industrie möglich)Kostenlose Mitfahrt für Begleiter bei Merkzeichen "B"

Anbieter mit Fragezeichen haben uns bislang nicht auf unsere Anfrage geantwortet. Antworten werden nachgetragen, sobald sie verfügbar sind.

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