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Happy girl

Foto: Ekaterina Staats – all rights reserved.

Reblogged: Ein früherer Artikel aus meinem Privatblog, der dort als Satirebeitrag veröffentlicht war.

Timo ist 34 Jahre alt. Obwohl sein Schicksal schnell auffällt und recht offensichtlich ist, versprüht er doch eine Menge Lebensenergie, wirkt aufgeschlossen, energisch und lebensbejahend. Wir treffen uns auf einen Espresso und beginnen zu plaudern, nachdem Timo sich im Café eingerichtet hat. Wie er sein Leben so managed, möchte ich wissen, und wie stark er beeinträchtigt ist. Ich frage, wie er sich auf das Leben mit seinem Handicap eingerichtet hat.

Alltag trotz Hindernissen
„Naja“, antwortet Timo, nachdem er sich aus dem USB-Kabel entheddert hat, „man gewöhnt sich halt dran. Ich wusste ja, dass der Zeitpunkt irgendwann kommen würde, konnte mich darauf einstellen. Sicher ist es nicht leicht, gerade im Alltag ist doch einiges deutlich schwieriger, und manche Leute gucken schon komisch“, fährt er mit einem Blick zu zwei Hipstern am Nachbartisch fort, die sich offenbar ertappt fühlen und ihren Blick sofort wieder auf ihre iPads richten.

„Solche wie mich“
Und wie er sein Problem im Alltag bewältigt? „Also im Großen und Ganzen geht das, wenn man ein wenig vorausplant und vorab prüft, ob das irgendwie machbar ist. Ich verreise zum Beispiel ganz gern mit dem ICE, da weiß ich, wo die Steckdosen sind. Ist zwar meistens etwas fummelig, weil die Bahn die ja so gekonnt zwischen den Sitzen versteckt hat, aber mit der Zeit bekommt man da so gewisse akrobatische Fähigkeiten. Da guckt schon lang keiner mehr blöd.“ Und sonst so? „Also der ÖPNV hat da noch gewaltige Defizite. Tram, Bus, S- und U-Bahn sind für mich hier in Berlin fast unbenutzbar, da ist man ja nirgends auf solche wie mich eingerichtet“, erklärt Timo und stutzt. „Solche wie mich“ – hier wird mir klar: so aufgeschlossen, wie unsere Gesellschaft immer tut, sind wir noch lange nicht. Bei jeder Normabweichung wird man stigmatisiert, misstrauisch beäugt, hinter vorgehaltener Hand wird getuschelt. Und das, obwohl sich Timo ansonsten eigentlich nicht verstecken bräuchte. Sein Defizit kompensiert er gekonnt, weist ein meisterliches Improvisationstalent auf, und auch sonst scheint er nicht auf den Kopf gefallen zu sein. „Aber das ist ja auch klar“, setzt er hinzu: „man ist da ja irgendwie gefesselt. Das fällt dann schon auf. Deshalb fahr ich lieber Auto, da hab ich ne Steckdose. Und in Hamburg gibt es sogar einen Linienbus, der Steckdosen an Bord hat, auf der Linie 173 zu unserer alten Wohnung. Das war nämlich mal einer der AirportExpress-Busse, die es in Hamburg mal gab, bevor man die S1 zum Flughafen ausgebaut hat. Achja, wenn du mal von Fuhlsbüttel aus fliegen willst: du musst bei der S1 in einen von den drei vorderen Wägen einsteigen, in Ohlsdorf wird der Zug nämlich getrennt, und wenn du da im falschen Wagen sitzt, wunderst du dich nachher, seit wann der Airport in Poppenbüttel ist – da ist er nämlich nicht. Aber… wo waren wir?“.

Gefesselt
„Steckdosen!“ helfe ich ihm auf die Sprünge. Ob er denn keine Hilfe bekommen würde, frage ich. „Also ich hab da schon nachgefragt, das wird mir aber einfach zu teuer, ich kann mir das so als kleiner Selbständiger kaum leisten, da bleibt ja am Ende nix mehr zum Leben. Ich hab mich halt damit abgefunden.“ Mir wird klar: der Alltag von Timo ist schwer zu bewältigen. Wo sich andere Menschen frei bewegen, ist Timo an sein Ladekabel gefesselt. Sein altes iPhone hat einfach nicht mehr genügend Akkukapazität. Dass er aber dennoch als selbständiger Blogger und Berater ein autonomes Leben führen kann, das ist nicht der Verdienst unserer Gesellschaft, sondern nur auf seinen unermüdlichen Kampfeswillen zurückzuführen. Und mit dem Bewusstsein, dass wir noch viel mehr Menschen von seiner Sorte bräuchten, die offen zu ihren Schwächen stehen, trinke ich nachdenklich meinen Espresso – der unter Timos ausschweifenden Erklärungen zur Anfahrt nach Fuhlsbüttel natürlich kalt geworden war – aus, stehe auf und verabschiede mich. Und bin froh, dass ich sein Schicksal nicht teilen muss.

Denkanstoß
Warum es Käse ist, auf vermeintlichen Defiziten herumzureiten und sie in den Fokus eines Interviews oder einer Berichterstattung zu zerren, zeigt das Projekt Leidmedien.de eindrucksvoll auf. Es sollte weder Denkverbote noch dogmatische Sprachregelungen geben – wohl aber fokussierte Berichterstattung. Ohne Emotionalisierung, ohne Dramatisierung, aber natürlich auch ohne Bagatellisierung.

Ich danke Timo für das Interview und hoffen, dass diese Glosse so oft geflattert wird, dass ich Timo endlich ein neues iPhone spendieren kann! ;)

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