Philms/flickr.com (cc by 2.0)">
Foto: Philms/flickr.com (cc by 2.0)

Foto: Philms/flickr.com (cc by 2.0)

Es ist eines der größten Schlagworte unserer Gegenwart: Inklusion. Da steht es nun, ein großes Wort, das wie nur wenige Hoffnungen schürt und Albträume weckt. Ein Wort, von Aktivisten und Weltveränderern als Ausdruck der Sehnsucht und der Hoffnung auf ein besseres Miteinander, von vielen Medien und einem großen Teil der Öffentlichkeit als Horrorszenario von „Gleichmacherei“ und evolutionärer Rückschritt wahrgenommen. Chancengleichheit vs. Gleichmacherei, Pluralität vs. Kulturverlust – es gibt vielfältige Sichtweisen von Inklusion.

Inklusion ist per se ein Gesellschaftsmodell, das jedem Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen soll. Eine Vision, wie sie kaum schöner sein könnte und nicht mit dem noch immer über den Deutschen schwebenden Damoklesschwert vom sozialistischen Einheitsgedanken verwechselt werden soll. In der Realität beschränkt sich die öffentliche und mediale Wahrnehmung von Inklusion aber praktisch nur auf das Bildungswesen. Angstszenarien von entwicklungsverzögerten Kindern, die in der Leistungsgesellschaft den Lernfortschritt anderer Kinder bremsen, werden gezeichnet. Und die Kosten – um Himmels Willen, wer soll das alles denn bezahlen? Letzteres ist nicht selten zu vernehmen von jenen, die durchaus von unserem im Grundgesetz verankerten Solidarprinzip profitieren. Da ist er wieder, der sozialistische Gleichheitsgedanke: alle sind gleich. Aber manche sind halt noch ein bisschen gleicher. Alle für einen – natürlich, wenn es dem eigenen Wohlbefinden dienlich ist. Aber einer für alle? Wie soll das denn funktionieren? Etwas vom eigenen Wohlstand abgeben?

In zehn Jahren sind wir vielleicht einen kleinen Schritt weiter. Die Medien haben es dann geschafft, ihren eigenen Tunnelblick abzustreifen und sich umzusehen, Beispiele wiederzugeben von Ländern, in denen Inklusion (übrigens auch im Bildungswesen) sehr wohl funktioniert. Die Bevölkerung hat die Vorteile des Pluralismus verstanden und nimmt ihn nicht mehr als Kulturbedrohung wahr. Kirchen haben aufgehört, Menschen zu verdammen, nur weil ihre Lebensform nicht ihrem konservativen Weltbild entspricht. Menschen gehen nicht mehr auf die Straße, weil sie den Untergang des Abendlandes befürchten, wenn ihren Kindern im Unterricht beigebracht wird, dass es nicht nur Heterosexualität, sondern auch Homo- und Bisexualität gibt. Brandschutzauflagen dienen nicht mehr dazu, Rollstuhlfahrern den Zugang zu Gebäuden zu verwehren, Denkmalschutzauflagen stehen nicht mehr dem Bau von Rampen im Weg.

Menschen mit Behinderungen oder Erkrankungen müssen nicht mehr vor Gericht darum kämpfen, Hilfsmittel zu erhalten und werden umfassend über ihre Recht aufgeklärt. Sie sind nicht mehr erstaunt darüber, wenn sie erfahren, dass sie schon seit 17 Jahren einen Anspruch auf Erstattung der Stromkosten für ihre Hilfsmittel besitzen, über den sie nie informiert wurden. Hotels weisen ihre Barrierefreiheit in Katalogen aus – als Selbstverständnis, nicht als Marketing-Maßnahme. ICEs verfügen über einen bordeigenen Hublift, damit Rollstuhlfahrer nicht mehr Tage vor Abfahrt eine geplante Reise anmelden müssen. Bei einer Panne müssen Rollstuhlfahrer nicht tage- oder gar wochenlang zu Hause bleiben, bis ihr Hilfsmittel repariert ist, und sie sind rechtzeitig über defekte Fahrstühle an den umliegenden U-Bahnhöfen informiert, um nicht abends mit der letzten Bahn in die Falle am Bahnsteig zu geraten. Überhaupt: Fahrstühle werden redundant eingesetzt, sodass sich Wartezeiten verkürzen und weder Rollstuhlfahrer noch Menschen mit Kinderwagen oder Rollatoren weite Umwege in Kauf nehmen müssen, um an ihr Ziel zu gelangen.

Eltern von Kindern mit Behinderungen müssen sich nicht mehr rechtfertigen, warum sie ihr Kind nicht in eine Einrichtung geben, sondern es lieber bei sich zu Hause behalten und dort pflegen – weder gegenüber ihrem Umfeld noch gegenüber Behörden und Kostenträgern. Zarte beginnende Freundschaften aus der Grundschule werden nicht mehr nach vier Jahren auseinandergerissen, weil die Kinder auf verschiedene Schulen gehen müssen. Ratgeber-Magazine wie Mobilista.eu werden überflüssig sein.

Realistisch betrachtet wird nicht all dies in zehn Jahren erreicht sein. Tatsächlich haben wir schon vieles erreicht, aber es gibt noch viel zu tun, um wirkliche Chancengleichheit zu realisieren. Ganz gleich, wie viel es sein wird: der Weg dorthin lohnt sich, denn es ist der Weg in eine bessere, fairere und friedlichere Gesellschaft.

Schlusssatz: Inklusion gibt es nicht zum Nulltarif. Eine Gesellschaft, die 14,5 Milliarden Euro für Eurofighter-Kampfjets ausgeben kann, deren Betriebskosten sich pro Flugstunde auf knapp 80.000 Euro (pro Flugzeug, selbstverständlich) belaufen, dürfte bei einer Haushaltsumschichtung aber keine Probleme haben, sie zu finanzieren.

Dieser Text ist Teil der Blogparade #INKLUSION2025 der Aktion Mensch.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*