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Es handelt sich um einen privat aufbereiteten Artikel, für den weder Geld- noch Sachleistungen von Dritten erbracht wurden. Alle Nennungen erfolgen (wie immer) auf Basis persönlicher Empfehlungen.

Am 24. Juni 2017 stehen zahlreiche Anwohner der Mainzer Straße, Ladenbetreiber und Nachbarn geschlossen auf der Straße und demonstrieren gegen einen Beschluss des Bezirks, der die Außenbestuhlung für die wenigen Läden der Straße verbietet. Es wird gesungen, friedlich demonstriert, einzig Ordnungsstadtrat Hehmke, der am Mikrofon seine Entscheidung verteidigt und erklärt, es „werde keine Lex Mainzer Straße geben“, wird ausgebuht. Woher kommt dieser Zusammenhalt? Wir waren dabei, weil die Mainzer Straße unsere Heimat geworden ist, haben mit Freunden und Nachbarn den Anwohnern den Rücken gestärkt. Und haben uns auf Spurensuche begeben nach dem Spirit, der die Mainzer Straße ausmacht.

Die Mainzer Straße in der Vergangenheit

Um die Mainzer Straße, ein kleines Sträßchen in Friedrichshain, zu verstehen, muss man sich mit ihrer Vergangenheit befassen. Zu DDR-Zeiten fristete sie ein recht tristes Dasein mit Mietskasernen, die nach der Wende schnell zu einem Großteil verlassen waren. 1990 lieferten sich hier im November zahlreiche Hausbesetzer eine dreitägige Straßenschlacht mit der Polizei, die an Brutalität kaum zu überbieten war. Das Debakel endete mit Festnahmen, Verletzten und einer Aufkündigung der Koalition durch Renate Künast. Das ist das, was heutzutage zu finden ist, sucht man in Suchmaschinen nach der Mainzer Straße. Davon ist nichts geblieben, die teils extrem zerstörten Häuser sind längst saniert, die Gentrifizierungswelle ist auch hier schon längt eingelaufen.

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Zusammenhalt ist der Schlüssel

Meine Liebe zur Mainzer Straße kommt von ihrem – nein, unserem Zusammenhalt. Kleine Läden sind zentrale Treffpunkte, für Anwohner wie für Touristen. Die Coffein Centrale als alteingesessenes Café und Kaffeerösterei ist über die Grenzen des Bezirks bekannt für die Qualität ihres Kaffees. Und wer sich ein paar Stunden Zeit nimmt und hier Platz nimmt, lernt den Kiez mit all seinen Facetten kennen: die Alkoholiker und Drogenabhängigen, die im Leben falsche Entscheidungen getroffen haben und hier ihrer Vergangenheit hinterhertrauern, zwischen Wutausbrüchen, Schreierei und einem gelegentlich seltenen Aufblitzen früherer Existenz, das nur aufmerksamen Beobachtern auffällt und einen kleinen Einblick in ihre geschundenen Seelen erlaubt – bevor anschließend der Rausch wieder die Kontrolle übernimmt. Dazwischen Kinder, ein älteres britisches Touristenpaar, das stilvoll britisch in all dem Trubel sitzt, stoisch seinen Kaffee trinkt und sich dabei gemütlich eine Zigarette dreht. Die Nachbarn, die mal kurz vorbeikommen, um sich bei einem Kaffee eine kleine Pause zu verschaffen. Die Oma, die sich von ihrer schmalen Rente einmal in der Woche einen guten Kaffee gönnen möchte. Und immer wieder Menschen, die in ihrer Einsamkeit ein offenes Ohr suchen.

Inhaberin Manja, die schräg gegenüber auch mit einem kleinen Künstlerkollektiv die Galerie Morgenrot betreibt und vor einem Jahr die Coffein Centrale übernommen hat, kennt die meisten Charaktere längst. Als Zuhörerin und Ratgeberin in schwierigen wie auch guten Lebenslagen ist sie erfahren und geübt, doch wer in einem solch durchwachsenen Kiez lebt, muss auch auf seinen Selbstschutz achten. Manchmal wird es sonst einfach zuviel, und sie verliert sich selbst in all dem Treiben. Dann wird es Zeit, die Reißleine zu ziehen und Distanz zu schaffen. Neben einem der besten Kaffee, den es in der Stadt gibt, schafft sie gegenüber ganz andere Kunst. In ihrer Galerie, die gleichzeitig Atelier, Workshopraum und vieles mehr ist, arbeitet sie, wenn sie nicht hinter dem Tresen steht. In der Coffein Centrale hängen zahlreiche Werke – von ihr wie auch von anderen Künstlern. Die Symbiose zwischen den beiden Läden ist offensichtlich: das Café als zusätzlicher Ausstellungsraum, für einen Kaffee während oder nach Gesprächen. Aber auch die Symbiose zwischen Kunst und Kaffee ist ja nahezu plakativ: nicht nur sind die meisten Kunstversteher gleichzeitig auch Genussmenschen. Auch Selektion, Röstung und Zubereitung von Kaffee fällt unter den Kunstbegriff.

Die „zweite Räumung der Mainzer Straße“

Im Jahr 2017 ereilte mehrere Geschäfte eine Hiobsbotschaft: die Genehmigung für die Außenbestuhlung bzw. die Außennutzung des Gehweges wurde vom Bezirk widerrufen. Was zunächst harmlos klingt, war für die meisten Läden existenzbedrohend, denn die meisten Einrichtungen sind klein und bieten nur wenig Raum. Für die Coffein Centrale, das kleine Restaurant schräg gegenüber, den kleinen Obst- und Gemüseladen sowie die antiquarische Buchhandlung des Alt-68er Politologen, der in seinem Laden gerne stundenlang Klavier spielt und mit Passanten philosophiert, hätte das fatale Folgen gehabt, doch der Bezirk zeigte sich zunächst stur. Plötzlich formierte sich Protest, die Anwohner zeigten sich mit ihren Läden solidarisch. Die Begründung, dass zuviel Raum vom Gehweg unnutzbar geworden sei, war nicht nachvollziehbar, und so schlossen sich die betroffenen Ladenbetreiber und mehrere Anwohner zu einer Organisation zusammen, die unter dem Namen „Kiezcharakter“ eine Sondernutzungserlaubnis forderte. Change.org unterstützte die Forderung, und schnell kamen über 20.000 Unterschriften in einer Petition für den Erhalt des Kiezcharakters zusammen. Ordnungsstadtrat Andy Hehmke erschien zu einer Anwohnerversammlung und zeigte sich gesprächsbereit, aber weiterhin stur. Erst Monate später konnte unter massivem öffentlichen Druck eine Einigung und eine Verlängerung der Sondernutzungsnehmigungen erzielt werden – nach großem Einsatz zahlreicher Anwohner. Die Freude war bei Anwohnern wie bei Geschäftsleuten gleichermaßen groß, und die Asiatin, die den Gemüseladen betreibt, konnte kaum fassen, wie sehr sich der Kiez für sie eingesetzt hat. Noch heute erinnern dann und wann Protestbanner an diese wirkungsvolle Akion, die zweifelsfrei mit zur Rettung der Mainzer Straße beigetragen hat.

Kunst, Kultur und Kaffee

Wer sich mit der Mainzer Straße beschäftigt und sich auf sie einlässt, kann den Geist der Straße spüren: einerseits ist er oft nervtötend. Sie ist ein sozialer Brennpunkt – Armut, explodierende Mieten, Existenzängste werden von vielen, die sich hier herumtreiben, mit einem Übermaß an Alkohol und Drogen kompensiert. Sie versuchen es zumindest. Die Probleme bleiben und werden oft noch größer, und so gibt es hier zahlreiche gescheiterte Existenzen, die oft laut und unangenehm auf sich aufmerksam machen. Dazwischen gibt es aber die andere Seite: die gefühlte Freiheit, die hier deutlich größer ausfällt als in anderen Städten oder Regionen. Der multikulturelle Einfluss, der, lässt man sich auf sein Gegenüber ein, zu einer Erweiterung des eigenen Horizonts und Bewusstseins führen kann, zu neuen Erkenntnissen und Ideen. So ist es kaum verwunderlich, dass Manja hier ihre Galerie eröffnet hat. Zwar muss sie dabei den Spagat zwischen Offenheit und gleichzeitig Fokussierung auf ihre Arbeit leisten, aber das Ergebnis zeigt, dass ihr das ganz gut gelingt. Die Galerie arbeitet als Künstlerkollektiv unter dem Motto „Künstler helfen Künstlern“ und fördert auch unbekannte Künstler, die hier ihre ersten Schritte wagen. Manch einer davon tauchte später plötzlich auch in London auf. Eine davon ist Elena Helfrecht, eine Fotokünstlerin mit sehr ausdrucksstarken, spannungsgeladenen Werken. Die Galerie und der Zusammenhalt als Sprungbrett, als Erfolgsmodell.

Versorgung rund um die Uhr – Spätis vs. Ladenschluss

Schon seit Jahren werden die Themen Ladenschlussgesetz, Sonntags-Verkaufsverbot und Spätis in einem Atemzug kontrovers diskutiert. Spätis gehören in Berlin zum selbstverständlichen Straßenbild und stellen einen wichtigen Teil der Versorgung dar: ob abends schnell noch ein Bier oder eine Packung Nudeln holen – auf zum Späti. Im Vorbeigehen noch schnell ein Wegbier mitnehmen, ist in Berlin völlig normal. Ein kleines Mitbringel für die Party holen oder am Sonntag feststellen, dass das Salz alle ist – das alles sind völlig normale Fälle, in denen man Spätis zu schätzen lernt. Ebenso wie jene AirBnB-Touristen, die mit ihrem Rollkoffer ihr fancy Appartement in der Mainzer Straße beziehen (eine Recherche des Tagesspiegels hat ergeben, dass im direkten Umkreis vom Boxhagener Platz über 2.000 Wohnungen bei AirBnB angeboten werden) und dann feststellen, dass dort das Toilettenpapier alle ist. Zudem sind Spätis auch Treffpunkt und bisweilen eine Art Kneipenersatz – nicht nur Alkoholiker treffen sich hier, auch wenn der eine oder andere Nachbar – nennen wir ihn Willy* – spätabends nochmal im Schlafanzug durch die Tür geschwankt kommt, sich noch einen Wodka genehmigt und dabei die Anwesenden in einen Zustand zwischen Mitleid, Belustigung und Enervierung bringt.

Wenn Willy* dann irgendwann nicht mehr reden kann und sich nicht mehr erinnert, weshalb er eigentlich runtergekommen ist (und wo er überhaupt ist), wird er bisweilen etwas unsanft vor die eigene Haustür verfrachtet. Dazwischen hatte er ein paar Minuten Gesellschaft und Spaß. Kurz darauf steht Frau Muck* mit ihrer Fernbedienung vor der Tür. Die alte Dame weint. Vor einigen Monaten hatte ihr Mann den Kampf gegen den Krebs verloren. Nun funktioniert der Fernseher nicht mehr. Erklärungen bringen sie nur noch mehr zum Weinen. Ich begleite sie in ihre Wohnung, starte ihren Receiver neu, rede ein paar Minuten mit ihr und begebe mich zurück zu meinem Bier, nachdem Frau Muck* wieder zufrieden ihr abendliches Fernsehprogramm verfolgen kann. Auch solche Dinge sind in der Mainzer Straße selbstverständlich. Bei aller Berliner Schnauze, die den Kiez oft ruppig wirken lässt: die Zwischentöne sind leiser und ganz anders. Sie sind geprägt von Zusammenhalt und Menschlichkeit. Jeder hier hat seine Vorgeschichte – unter den Trinkern sind erstaunlich viele Akademiker, im klaren Zustand zu spannenden Gesprächen in der Lage. Der aggressiv herumbrüllende Drogenkonsument fragt, wenn er nicht gerade auf Entzug ist, freundlich und höflich nach einer Zigarette und erkundigt sich nach dem Wohlbefinden. Vielleicht ist es das, was die Mainzer Straße ausmacht: Man kennt sich, in all seinen Facetten. Und in bisweilen unglücklichen Lebenslagen. Und so hilft man sich – vielleicht nicht immer gern, aber immer selbstverständlich.

Genau das macht den Spirit der Mainzer Straße aus.

* Namen geändert

Nachwort

In diesem Artikel geht es einmal nicht um Barrierefreiheit. Tatsächlich ist die Mainzer Straße für Rollstuhlfahrer schwierig, die Coffein Centrale besitzt aber eine Klapprampe, die auch für die Galerie Morgenrot genutzt werden kann.

Ein großes Dankeschön an Manja für stundenlange Gespräche – über die Mainzer Straße und über das Leben. Der nächste Kaffee kommt bestimmt.