Im Landeanflug öffne ich langsam die Augen. Beim Blick nach draußen kommt mir sofort ein Gedanke: Haben wir eine Maschine nach New York erwischt…? Vielleicht hätte ich mich vorher doch ein wenig mit Toronto beschäftigen sollen, sonst wäre ich jetzt nicht so über dieses gigantische Ausmaß am Golden Horseshoe überrascht, aus dem zahllose Wolkenkratzer hervorragen. Wir gehen von Bord, und das Abenteuer beginnt. Die Mega-City saugt uns sofort in ihren Strudel auf.

Toronto, eine der größten Städte Nordamerikas

Rein statistisch ist Toronto gar nicht so groß. 2,6 Millionen Einwohner, sagte mir Wikipedia vorab. Nunja, als Berliner beeindruckt mich das nicht. Um Toronto herum liegt allerdings nicht Brandenburg, sondern ein riesiger Schmelztiegel aus Städten, die längst komplett mit Toronto zusammengewachsen sind. So ergeben sich im direkten Umland rund 12 Millionen Einwohner. Und unsere Stadtautobahn, durch die wir uns mit unserem Mega-SUV pflügen, hat auch keine 16 Spuren, sondern 6. Irgendwann erreichen wir bei rund 30 Grad Celsius am Abend (im September, bei vorhergesagten 20 Grad!) unser Hotel, das Novotel North York. Inzwischen haben wir schon herausgefunden, dass North York alles andere als zentral liegt. Ist uns aber egal, wir checken ein, futtern eine Kleinigkeit und fallen ins Bett.

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„Je schneller Sie kommen, desto billiger wird es“

Am nächsten Morgen will ich schnell Adinas Jacke aus dem Auto holen. Weil es zu groß für die Tiefgarage war, stand er auf der Straße. Ein böser Fehler: Wir haben diese winzigen Schilder, die auf ein Parkverbot während der Rushhour hinweisen, übersehen. Die Polizei nicht. Unser Auto ist weg. Nach einigen Anrufen habe ich eine Adresse und ein ganz böses Bauchgefühl. Wie teuer es wird, wollte mir die Dame nicht sagen. Aber: Jede Stunde kostet extra. Anderthalb Stunden später haben wir unser Auto wieder – und sind rund 500 Dollar ärmer. Das schmerzt – diese Lektion haben wir bitter gelernt. Um uns abzulenken, sehen wir uns um und stellen fest, dass wir ganz in der Nähe des Black Creek Pioneer’s Village stehen, einem Dorf, das im Stil der ersten Siedler originalgetreu nachgebaut wurde und sogar von Schauspielern mit Leben gefüllt wird.

Unsere kleine Farm – live und real

Im Black Creek Pioneer’s Village stellen wir fest, dass viele der Darsteller historisch fundiertes Wissen besitzen. Wir unterhalten uns mit ihnen und fühlen uns plötzlich wie in der Achtziger-Serie Unsere kleine Farm, als eine Gruppe von historisch gekleideten Kindern aus einem Haus zur Schule rannten – fast, als hätte Laura Ingalls mit ihren geflochtenen Zöpfen wieder den Unterrichtsbeginn vergessen! Spannenderweise war übrigens alles rollstuhlgerecht gebaut, sodass Adina ihrer großen Leidenschaft frönen und der Druckerei einen Besuch abstatten konnte, und in einer Näherei bekam Piet eine Karotte geschenkt, die eine Darstellerin gerade Plüschtieren für den Verkauf annähte – natürlich war er stolz wie Oskar! Beseelt von diesem Ausflug haben wir unseren morgendlichen Albtraum ein wenig verdrängt und machten uns auf den Weg, um die direkte Umgebung des Hotels zu erkunden und für Abendessen zu sorgen. Ein wenig kanadisches Bier (zu horrenden Preisen, denn Kanada erhebt auf jeglichen Alkohol etreme Steuern) tröstete uns vollends über den holprigen Start weg, und wir versöhnten uns mit Kanada.

Casa Loma: Das Schloss, das keines ist

Eindrucksvoll erhebt sich Casa Loma auf dem Davenport Hill. Alles rollstuhlgerecht, versichert man uns. Tatsächlich findet sich hier drin der älteste Aufzug Kanadas – und er war von Anfang an dort, wo er noch heute ist. Denn Casa Loma wurde von einem schwerreichen britischen Industriellen im Stil der europäischen Schlösser gebaut – von 1911 bis 1914. Was bei uns oft 300-500 Jahre alt ist, steht hier gerade einmal 100 Jahre und gehört damit schon zum ältesten Bestand. Prunkvoll ist das Schloss gebaut, selbst eine eigene Orangerie mit tropischen Temperaturen für exotische Pflanzen ließ der Schlossherr einrichten. Aber insgesamt wirkt es fast ein wenig wie Disneyland, wenn man im Wissen umherschlendert, dass all das nur eine Replik darstellt – auch wenn sie gut gemacht ist. Wir beschließen also, uns der echten Kultur von Toronto zu widmen, und begeben uns weiter in den Schmelztiegel.

Kulturmix pur: Kensington Market

Nie zuvor haben wir einen solch eindrucksvollen Kulturmix erlebt: Nahe der Altstadt von Toronto liegt Kensington Market, ein Viertel voll verschiedenster Kulturen mit Geschäften, Restaurants, Cafés und vor allem jeder Menge Leben. Karibische Vibes treffen auf afrikanische Kreol-Küche, Europa trifft Asien, und mittendrin wir. Im jamaikanischen Lebensmittelmarkt finden wir karibische Gewürze, im Reggae-Store nebenan entdeckt Adina ein tolles Kleid, das direkt vor einem Foto hängt, das Bob Marley in just diesem Laden zeigt. Etwas weiter unterhalb liegt die Graffity Alley, eine Gasse, die für Graffity-Künstler freigegeben wurde. Hier finden sogar Hochzeitsshootings statt, und mir wird angesichts der Bilder schnell klar, warum. Wir werden uns noch öfter nach Kensington Market verirren – allein schon, um bei Caplansky’s Delicatessen (das wohl inzwischen leider nur noch am Flughafen zu besuchen ist) zu schnabulieren! Hier finden sich fantastische Sandwiches mit gesmoktem Fleisch und viele andere Leckereien…

Gastromeile, Handcraft-Stores: Distillery District

Der Distillery District gehört ebenfalls zu den angesagten Gegenden Torontos, gerade abends. Hier im Rahmen zahlreicher ehemaliger Destillen haben sich heute viele Bars, Restaurants und Manufakturen sowie Kunstgalerien angesiedelt. Das Viertel ist extrem lebendig und jung, und wir spüren schnell: hier findet das hippe Leben von Toronto statt. Die erstaunliche Hitze (zur Erinnerung: 30 Grad Celsius im September – und Timo hatte gerade einmal eine einzige kurze Hose und drei T-Shirts im Gepäck, weil zehn Grad weniger vorhergesagt wurden) treibt uns in einen Biergarten, wo wir eiskalten Eistee schlürfen und etwas abkühlen. Selbst hier, in einem historischen Viertel, wurde auf Barrierefreiheit geachtet – selbst viele der kleinen Kunstgalerien sind zugänglich, und wir hätten uns fast in diesem District verloren, wäre da nicht der enge Zeitplan gewesen…

St. Lawrence Market – die Markthalle Torontos

Wir lieben Markthallen. Logisch, wir lieben ja auch frisches lokales Essen. Damit war St. Lawrence Market ganz in der Nähe des Distillery District gesetzt. Ein wenig erinnert uns schon der Eingang an die Markthalle von Barcelona, die wir so lieben gelernt haben. Ein bunter Mix an Street Food, Gemüse, Obst, Fleisch, Wurst, Käse und vor allem Fisch erwartet uns, die Farben und Gerüche überwältigen ein ums andere Mal unsere Sinne. Hier braucht man Zeit – und sollte nicht mit leerem Magen hinkommen, sonst fällt die Wahl viel zu schwer!

CN-Tower, Ripleys Aquarium, Rogers Centre

In direkter Nähe zum Wasser findet sich eine der bekanntesten Attraktionen Torontos: Der über 500 Meter hohe CN-Tower, von dessen Plattform aus Besucher eine atemberaubende Sicht über die Stadt und den Golden Horseshoe am Lake Ontario bekommen. Etwas weiter unterhalb gibt es für Schwindelfreie eine Plattform für den Edgewalk, wo sie – mit Seil gesichert – den Turm von außen umrunden können. In direkter Nähe liegen Ripleys Aquarium, das größte Aquarium Kanadas, und das Rogers Centre, in dem zahlreiche (Sport-)Veranstaltungen stattfinden.

Amsterdam Brewhouse

Eine Brauerei direkt am Wasser mit Restaurant. Schon am Eingang werden hungrige Besucher von einem riesigen Smoker empfangen, in dem – mit einem Schloss gesichert – feinstes Beef stundenlang dem heißen Rauch ausgesetzt ist und so butterzart und aromatisch wird. Das Ergebnis ist ein Smoked Beef Brisket mit Coleslaw und Maisbrot, von dem man noch wochenlang schwärmt. In den Abendstunden macht eine Reservierung Sinn, denn inzwischen hat sich die Qualität herumgesprochen…

Am Wasser: Strände, der Lake Ontario und Toronto Island

Toronto liegt am Lake Ontario – dem Kleinsten der Great Lakes, dennoch mit einer beeindruckenden Größe: mit über 19.000 Quadratkilometern Fläche ist er über dreißig Mal so groß wie der Bodensee. Entsprechend groß ist die Zahl der Strände, die vor der Haustür liegen. Langgezogene Sandstrände laden zum Sonnen und Baden ein, und vor den Toren der Stadt direkt vor dem City-Aiport Toronto, der vor allem für Geschäftsflüge innerhalb Kanadas genutzt wird, liegt das Inselchen Toronto Island. Hier geht es etwas ruhiger und beschaulicher zu, und es bietet sich insbesondere in der Dämmerung ein atemberaubender Blick auf die faszinierende Skyline von Toronto. Nicht umsonst wird die Stadt immer häufiger zum Drehort – weil Drehgenehmigungen hier leichter zu bekommen sind als in New York, aber je nach Ort vergleichsweise ähnlich aussieht. Mit der Fähre geht es in rund 20 Minuten vom Festland auf die Insel, und der Trubel verläuft sich!

Ausflug 1: Die Georgian Bay im Norden

Metropole schön und gut. Aber Kanada steht ja insbesondere für Natur, Wildnis, Wasser und Abenteuer. So machten wir uns auf den Weg gen Norden, um davon etwas zu erfahren. Das ist allerdings gar nicht so einfach, denn die Georgian Bay zwei Autostunden nördlich von Toronto ist das beliebteste Wochenend-Domizil von Geschäftsleuten. Und leider ist rings um den Lake Huron alles, was in Straßennähe liegt, Privatgrund. Wir haben einen winzigen Strand gefunden, der zumindest nicht eingezäunt war, und gaben nach einiger Zeit des Suchens dann auf. Am Dock von Penetanguishene trösteten wir uns mit Poutine, dem kanadischen Snack schlechthin (für Nichtkenner: Poutine besteht aus Pommes, die mit Specksauce und Käse überbacken werden), kauften einige nette Souvernirs und machten uns auf den Heimweg in der Abenddämmerung. Ein wenig haben wir über das Land erfahren, aber es war viel zu wenig.

Ausflug 2: Die Niagara-Fälle

Man sagt den USA ja gerne nach, sie machen aus jedem Naturspektakel ein eigenes Disneyland. Wer Niagara besucht, findet heraus, dass ihnen Kanada dabei um nichts nachsteht. Wer Niagara-Fälle hört, denkt an einen wildromantischen Wasserfall im Wald – zumindest, wenn er etwas naiv veranlagt ist. Die Realität kann aber grausam sein. In Niagara Falls angekommen parken wir am Skylon Tower, einem ziemlich heruntergekommenen Aussichtsturm. Mit dem Fahrstuhl geht es erstmal in den Keller, und dort erwartet uns ein bizarr anmutendes Bild: eine Spielhalle mit unzähligen Spielgeräten aus den Achtzigern, im Keller bei greller Beleuchtung. 200 Meter weiter tosen die Niagara-Fälle, wovon man hier nichts ahnt… wir machen uns auf den Weg, und direkt entlang der Fälle führt auf kanadischer Seite die Straße entlang. Die kleineren Fälle, die auf US-Seite liegen, sind weitaus weniger imposant, weswegen ich meine Überlegungen verwerfe, zu Fuß über die Rainbow-Bridge in die USA zu marschieren. Das ist hier auch ohne ETA möglich, aber man muss das gesamte Immigration-Prozerede über sich ergehen lassen, und das hatten wir schon in Kanada hinter uns. Reicht. Dafür ist uns die Zeit zu schaden. Es ist heiß, nach wie vor, und die Gischt, die überall in der Luft liegt, kühlt uns angenehm. Wir schlendern zur Kante der großen Wasserfälle und staunen wieder einmal über die Natur: das Wasser fliesst ganz ruhig, klar und unaufgeregt auf die Kante zu, schwappt einmal sanft über die Kante und entwickelt sich im Fall zu einem donnernden Spektakel. Zehn Zentimeter von der Kante entfernt lässt sich nicht erahnen, welche Gewalt dieses ruhige Wasser gleich entwickeln würde.
Wir machen uns auf, um mit den Hornblower-Booten eine Tour in die Niagara-Fälle zu unternehmen. Ausgerüstet mit Wasserschutz für die Kamera und den obligatorischen Plastikponchos, die hier im Eintritt enthalten sind, gehen wir an Bord. Vorab: die Ponchos bringen quasi nichts. Im Kessel der Fälle werden wir klatschnass, in Anbetracht der brennenden Sonne ist das aber gar nicht so wild, sondern eher angenehm… dieses Spektakel hat uns nachhaltig beeindruckt, wir ignorieren den Disneyland-Charakter, der hier ringsum aufgebaut wurde, und machen uns wieder auf den Weg in ein kleines Örtchen ganz in der Nähe, das so ganz anders ist…

Niagara on the Lake

Eine halbe Stunde Fahrt von Niagara Falls aus liegt Niagara on the Lake – am Lake Ontario. Einst eine wichtige Hafenstadt, nach Verlust seiner Hafenlizenz dann lange Zeit vergessen. Heute ist es ein quirliges Örtchen, das aus seinem Dornröschenschlaf erwacht ist, aber noch immer den Charme der Gründerzeit versprüht, mit historischen Gebäuden, einem der typisch kanadischen Weihnachtsläden für das ganze Jahr, und kulinarischen Highlights. Der Ortskern ist unbedingt sehenswert!

Schlusswort

Kanada hat unglaublich Spaß gemacht. Es ist alles größer, lauter und sauberer als hier. Menschen selbst in prekären Jobs machen das Beste aus ihrer Lage und haben Spaß an dem, was sie tun, und – sind dabei vor allem höflich. Unser Dank gilt insbesondere dem Busfahrer, der uns nach seinem Feierabend noch im Bus zu unserem nächsten Ort gebracht hat, den wir dank der nicht-rollstuhlgerechten Straßenbahn, die zu dieser Zeit noch auf dieser Strecke lief, kaum erreicht hätten. Ein Trinkgeld hat er entschieden abgelehnt, wohl aber eine Nachricht an seine Arbeitgeber von der TTC – über das Lob-Formular (!) auf der Webseite des Unternehmens. Herzlichen Dank – und vielleicht bis irgendwann mal wieder!

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