Barrierefreies Reisen und die ITB 2015

ITB 2015Wie in jedem Jahr war Mobilista auch im aktuellen Jahr auf der Internationalen Tourismus-Börse, der ITB, in Berlin unterwegs. Erneut wurde dort von der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) in Zusammenarbeit mit der NatKo der Tag des barrierefreien Tourismus veranstaltet, parallel dazu haben wir uns auch auf dem Rest der Messe umgesehen und uns einen Überblick verschafft: ist barrierefreier Tourismus wirklich auf dem Markt angekommen? Eine Einschätzung der Lage.

Zunächst ein Fazit zum Tag des barrierefreien Tourismus, der alljährlich am Rande der ITB stattfindet. Neben einer Podiumsdiskussion unter anderem mit der Leiterin der Kontaktstelle für Behindertenangelegenheitenn der Deutschen Bahn, Frau Engel-Kuhn, mit Raul Krauthausen, Dr. Rüdiger Leidner von der Nationalen Koordinierungsstelle (NatKo), und anderen Teilnehmern aus dem Tourismus wurden dort auch unterschiedliche Umsetzungen von Barrierefreiheit auf bundesdeutscher Ebene präsentiert. Herausforderungen wurden dabei ebenso herausgestellt wie konkrete Ergebnisse und Verbesserungen. Besonders spannend waren dabei zwei Programmpunkte:

  • Dr. Victoria Eichhorn von der Hochschule Fresenius in München präsentierte die Ergebnisse einer Studie, die von der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben wurde: die Ökonomische Bedeutung und Reisemuster im barrierefreien Tourismus in Europa. Hier wurde durch repräsentative Erhebungen herausgearbeitet, dass barrierefreies Reisen schon heute immense ökonomische Bedeutung hat (Umsatz der zusammengefassten Gruppe laut der Studie: 768 Mrd. Euro!) und noch weitaus größere Potenziale bietet. Dabei wurde zugrunde gelegt, dass barrierefreies Reisen nicht nur ein wichtiger Aspekt für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, sondern auch für Senioren und Familien mit Kindern darstellt. (Link zur Studie)
  • Rolf Schrader vom Deutschen Seminar für Tourismus (DSFT) und André Nowak von der NatKo präsentierten das neue Kennzeichnungssystem „Reisen für Alle“ der deutschen Tourismusbranche, das Betriebe untersucht und zertifiziert. Bisher wurden in 8 Bundesländern erfolgreich Destinationen als barrierefrei zertifiziert, weitere sollen folgen – doch die einheitliche Darstellung der Ergebnisse stellt derzeit noch Probleme dar.

Der Tag des barrierefreien Tourismus lässt Hoffnung aufkeimen, dass Menschen mit Behinderungen in Bälde sehr viel mehr Möglichkeiten erhalten werden, wenn sie verreisen möchten. Dagegen stehen allerdings unsere Besuche und Gespräche auf der Messe bei den Destinationen.

Den einzigen Hinweis darauf, dass Barrierefreiheit im breiten Tourismussegment angekommen ist, fanden wir beim Nordseeheilbad Cuxhaven: ein barrierefreier Strandkorb mit Rampe und einer Rollstuhl-Stellfläche, die auch als Abstellplatz für Kinderwagen genutzt werden kann und mit einer herunterklappbaren Wickelauflage ausgestattet ist. In Verbindung mit Kunststoffmatten zur Befestigung des Weges über den Sandstrand kann so sowohl für viele Rollstuhlfahrer als auch für Eltern mit Babies und Kleinkindern der Strandaufenthalt sehr viel angenehmer gestaltet werden – zumal gerade an Stränden inzwischen weltweit erhebliche Aufwände betrieben werden, um sie rollstuhlgerecht zu gestalten: Mattenwege, Strandrollstühle, Rampen ins Wasser und Servicepersonal sind vielerorts sowohl an deutschen Stränden als auch im Ausland anzutreffen. Da dies mit hohem finanziellen und personellen Aufwand verbunden ist, dauert es zwar sicher noch, bis sich in jedem Umfeld ein solcher Strand findet, die vergangenen Jahre haben hier aber positive Fortschritte gezeigt.

Das allerdings war es auch schon mit den guten Nachrichten. Einige Gespräche haben gezeigt, dass die Tourismusvertretungen durchaus gewillt sind, für mehr Barrierefreiheit zu sorgen. So verfügt die französische Tourismuszentrale über ausführliche Informationen zur Barrierefreiheit in Frankreich auf ihrer Webseite (Link). Doch welches Potenzial dahintersteckt und wie groß die Zielgruppe überhaupt ist, erstaunt selbst die Vertreter von Destinationen: die Zahlen sind schlichtweg weitestgehend unbekannt, und das Segment viel zu klein eingeschätzt. Hinzu kommen auch bauliche Schwierigkeiten, wo natürliche Grenzen gesetzt sind – doch waren sich die meisten Gesprächspartner einig, dass es zwar Umstände gibt, die schwer zu ändern sind, aber dennoch Maßnahmen getroffen werden müssen, die problemlos umzusetzen wären. In den meisten Fällen suchten wir aber vergeblich nach dezidierten Informationen über barrierefreie Reiseziele und zogen ergebnislos wieder von dannen. Und auch die großen deutschsprachigen Suchmaschinen für Reisen behandeln nach wie vor Menschen mit Mobilitätseinschränkungen sehr stiefmütterlich und verstecken entsprechende Informationen tief im Labyrinth ihrer Suchfilter (siehe ein Gastartikel von Mobilista hierzu im Blog von Wheelmap.org: Link).

Unsere Ergebnisse sind nicht repräsentativ, zugleich aber ernüchternd: auf dem Heimweg vom letzten Gespräch wurde uns der Katalog eines großen europäischen Anbieters von Ferienparks in die Hand gedrückt, der inzwischen über 20 Destinationen in Deutschland und benachbarten Ländern anbietet. Beim Durchblättern die Enttäuschung: Informationen zur Barrierefreiheit sind extrem tief in den Tabellen am Katalogende versteckt, zudem erschütterte uns, dass von den 20 aktuellen Ferienparks, die aus Bungalows bestehen und so extrem leicht zugänglich gemacht werden könnten, in gerade einmal 6 Ferienparks überhaupt rollstuhlgerechte Bungalows ausgewiesen werden.

Impressionen von der ITB 2015

Erkenntnisse

Barrierefreiheit ist zugleich auch ein Komfortmerkmal und kommt nicht nur Menschen mit Behinderungen zugute, sondern nutzt auch Senioren sowie in großem Maße Familien mit kleineren Kindern. Die Erhebung zeigte, dass zu den größten Gruppen, die erweiterte Medien nutzen, um sich vor Reiseantritt über Ausstattung und bauliche Merkmale vor Ort zu informieren, gerade Familien mit Kindern gehören. Diese Tatsache sollte künftig im Dialog mit Verantwortlichen viel deutlicher in die Kommunikation mit einfließen, weil so das finanzielle Volumen dieser Zielgruppe um ein Vielfaches vergrößert wird. Menschen mit Mobilitätseinschränkungen leben heute selbstbestimmter und aktiver denn je zuvor, und auch ihr Budget ist in vielen Fällen nicht auf das Existenzminimum begrenzt. Diese Tatsache muss auch in den Köpfen von Entscheidern im Tourismus-Segment ankommen, damit barrierefreies Reisen nicht weiter das Spezialgebiet einiger weniger Nischenanbieter bleibt, sondern in der gesamten Tourismusbranche verankert wird. Nur noch einmal zur Wiederholung: laut der oben genannten Studie hat die Zielgruppe barrierefreier Reiseangebote 768 Milliarden Euro für Reisen ausgegeben – Tendenz steigend!

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