Auskünfte der Deutschen Bahn zu Barrierefreiheit im Regional- und Fernverkehr

Vor einiger Zeit erreichte mich auf die letzte Kontaktaufnahme mit der Deutschen Bahn hinsichtlich der Probleme von Menschen mit Behinderungen (letzter Artikelalle Artikel) eine umfassende Antwort vom Social Media-Team. Wie auch schon zuvor werde ich die Antwort nicht vollständig wiedergeben, sondern nur die wichtigsten Auszüge zusammenfassen.

Zusammen mit Raul und seinem Umfeld haben wir die wesentlichen, häufigsten Probleme mit der Deutschen Bahn bei Fahrten mit dem Rollstuhl oder anderweitig eingeschränkter Mobilität herauskristallisiert. Die Antworten im Einzelnen zu den jeweiligen Problemen:

Defekte Rampen

Hierzu erklärt die Deutsche Bahn, dass die Instandsetzung defekter Rampen, also den Überfahrbrücken und Klapprampen in Interregios, im Werk Priorität haben. Gerade die hydraulischen Überfahrbrücken sind aber recht anfällig gegenüber Störungen durch Schmutz, mechanische Beschädigungen etc. Die Instandsetzung dauert entsprechend länger, weil es sich um recht komplexe Konstruktionen handelt. Defekte, die das Zugpersonal noch nicht bemerkt hat, unbedingt dem Zugteam melden, damit der Wagen im Instandsetzungswerk vorangemeldet werden kann, um die Reparatur zu beschleunigen. Selbiges gilt natürlich auch für Toiletten und Türen in den entsprechenden Abteilen.

Personalschulung im Umgang mit MmB

Das Zugpersonal wird bereits aktiv im Umgang mit Menschen mit Behinderungen und deren Belange geschult. Ein Zitat, das so wichtig ist, dass ich es zitiere:

In der internen Kommunikation wird immer darauf hingewiesen, dass Rollstuhlfahrer – wie alle anderen Reisenden – auch spontan den Zug nutzen können müssen. Insofern ist ein Hinweis auf die mögliche Anmeldung nicht immer zielführend und manchmal sicherlich fehl am Platz, allerdings als Hinweis für die Kunden, die dieses Vorgehen noch nicht kennen, vielleicht auch von Interesse.

Natürlich müssen wir selbst auch kompromissbereit sein. Die Voranmeldefrist von 24 Stunden dient ja letztlich auch der Vorbereitung und damit unserem Komfort, ist aber kein Muss. Mit Einschränkungen müssen wir dann allerdings leben. Wer übrigens die Deadline zur Voranmeldung von Reisen mit Mobilitätseinschränkungen (Vorabend, 20 Uhr in der Mobilitätszentrale) nicht einhalten kann, kann über die jeweils zuständige 3-S-Zentrale noch in aller Regel Bescheid sagen – funktioniert fast immer wirklich gut.

Das Problem mit Kombiabteilen (Fahrrad, Kinderwagen, Gepäck und Rollstuhl) und Überfüllung ist der Bahn bewusst. Ganz klar: niemand steigt gern freiwillig aus, um einem Rollstuhlfahrer Platz zu schaffen. Aber auch hier ein Lichtblick:

Diese Konflikte will die Deutsche Bahn zukünftig übrigens durch die Trennung von Rollstuhl- und Fahrradbereichen vermeiden.

Softwareseitige Hilfen (Apps etc)

Angesprochen wurde unter anderem auch, Informationen über Zugänglichkeit von Bahnhöfen, Betriebszustand von Fahrstühlen und andere hilfreiche Infos in der DB-App zu integrieren. Hier tut sich das Problem auf, dass diese Daten auf unterschiedlichen Plattformen verwaltet werden und kurzfristig keine Zusammenführung in Sicht ist. Auf mittlerer Sicht tut sich aber auch hier etwas:

Das derzeitige Ziel ist, zunächst die Datenbasis bzgl. Aufzugsstörungen, der Zugänglichkeit der Bahnhöfe, bis zur Einstiegssituation in die Fahrzeuge, zu verbessern. Einige zusätzliche Informationen werden vsl. Ende 2013 über den elektronischen Fahrplan europaweit verfügbar sein. Zudem arbeiten wir derzeit an einem System, die Verfügbarkeit aller kundenrelevanten Aufzüge zur Verfügung zu stellen. Sicherlich können davon auch viele Apps, wie z.B. der DB Navigator, profitieren.

Auch mein eigener Vorschlag der direkten Kontaktaufnahme mit dem zuständigen Service-Mitarbeiter am Bahnhof stieß auf Interesse:

Ein elektronisches Einchecken oder die direkte Information an einen für eine Hilfeleistung disponierten Mitarbeiter ist aktuell zwar nicht möglich, aber als „Zukunftsmusik“ nicht abwegig.

Auslandsreisen mit der Deutschen Bahn

In Eigenerfahrung mussten wir schmerzlich feststellen, dass es gerade im Bereich der Eurocitys (EC) noch einige Defizite in Sachen Rollstuhlstellplätze gibt. Im konkreten Fall konnten wir nur durch einen Gewaltakt auf eigene Faust nach Prag reisen, weil es schlicht nur einen einzigen Zug gegeben hatte, der auf dieser Strecke einen Rollstuhlstellplatz bereitstellt, und den konnten wir aus organisatorischen Gründen nicht nutzen. Die Deutsche Bahn teilt hierzu mit:

Es ist in der Tat zutreffend, dass für Bestandsfahrzeuge im grenzüberschreitenden Verkehr kein Angebot von Rollstuhlstellplätzen zwingend ist. Wir haben uns daher in den letzten Jahren schon mehrfach in Gesprächen mit den Nachbarbahnen darum bemüht, dass standardmäßig Zuggarnituren mit Rollstuhlbeförderungsmöglichkeit zum Einsatz kommen. Bei neueren Zuggarnituren wird die technische Spezifikation für die Beförderung von Menschen mit eingeschränkter Mobilität beachtet. Auch bei der DB ist es möglich, in der 1. Klasse zu reisen, wenn man auf die besonderen Merkmale eines Rollstuhlstellplatzes verzichten will.

Hierzu möchte ich anmerken: das ist unentschuldbar. Wenn die ausländischen Partnerbetreiber keine Zuggarnituren mit Rollstuhlstellplatz zur Verfügung stellen können, dann liegt es eben an der Deutschen Bahn, da Abhilfe zu schaffen. Hier kann die Verantwortung nicht einfach abgewälzt werden, da es sich auch meist durch zusammengestellte Züge mit Wagenmaterial sowohl von der Deutschen Bahn als auch von ausländischen Gesellschaften handelt. Fernzüge ohne rollstuhlgerechte Ausstattung stellen einen klaren Verstoß gegen die UN-Behindertenrechtskonvention dar, die bereits im Jahre 2009 von Deutschland ratifiziert wurde. Wir fordern daher die Deutsche Bahn auf, hier umgehend für Abhilfe zu sorgen und kunden- und zukunftsorientiert zu handeln.

Keine klare Stellungnahme erfolgte zu dem Umstand, dass wir die Fahrt bei der Mobilitätszentrale nicht anmelden konnten, sondern dort abgewiesen wurden mit dem Hinweis darauf, dass in besagtem Zug ein Rollstuhlstellplatz zur Verfügung stehen würde. Obwohl die Deutsche Bahn selbst mitteilt, dass eine Fahrt in der 1. Klasse möglich gewesen wäre, wurde uns ausdrücklich Einstiegshilfe verwehrt. Hier besteht dringender Handlungsbedarf in Form einer eingehenden Schulung der Mitarbeiter vor Ort und in der Mobilitätszentrale dahingehend, dass eine ausführlichere Beratung erfolgt und künftig keinem Kunden mehr Einstiegshilfe verweigert wird.

Zum Entfall meiner kostenlosen Mitfahrer als Begleiter in Tschechien erklärt die Deutsche Bahn:

Zur erforderlichen Fahrkarte im Ausland ist zu erläutern, dass der gesetzliche Nachteilsausgleich grundsätzlich nur in Deutschland gilt. Darüber hinaus gibt es im internationalen Tarif „SCIC NRT“ eine besondere Regelung unter Kapitel 17.2, wonach Begleiter von Rollstuhlfahrern im Ausland unter bestimmten Bedingungen unentgeltlich befördert werden. Dazu muss eine entsprechende Fahrkarte ohne Preisberechnung von der nationalen Bahn (die also die Berechtigung anhand des Schwerbehindertenausweises prüfen kann) ausgestellt werden. Diese Vereinbarung wird jedoch nur von 11 Gesellschaften mitgetragen. Leider ist die tschechische Staatsbahn, ebenso wie die polnische Eisenbahn, dieser Vereinbarung nicht beigetreten. Alle anderen Nachbarbahnen sowie die britischen Eisenbahn, die slowenischen Eisenbahn und die slowakischen Staatsbahn gewähren ihren Kunden gegenseitig diese Vergünstigung. Nähere Informationen liegen den Verkaufsstellen oder auch der Mobilitätsservice-Zentrale vor.

Die Mobilitätszentrale hat uns darauf leider nicht hingewiesen. Der Aufpreis war nicht das Problem, wir haben ihn nach einem klärenden Gespräch mit dem tschechischen Zugbegleiter problemlos bezahlt. Lediglich die Überraschung war etwas unangenehm.Ein wenig mehr Kommunikation, und alles wird gut.

Defekte Aufzüge im Bereich der Deutschen Bahn

In vielen, vielen Gesprächen haben sich die Fahrstühle als die größten Probleme bei Reisen mit der Bahn herauskristallisiert. Die Deutsche Bahn hierzu:

Die Aufzüge und Fahrtreppen der DB Station&Service AG werden technisch instand gehalten. Durch die Abstimmung einer Wartungsplanung zwischen dem Bahnhofsmanagement und dem jeweiligen Dienstleister ist sichergestellt, dass die Maßnahmen koordiniert und auf einander abgestimmt durchgeführt werden. Es sind feste Verfügbarkeiten der Anlagen definiert und der Dienstleister ist zu einer zeitnahen Entstörung und Instandsetzung der Anlagen verpflichtet.

An diesem Punkt möchte ich vehement widersprechen und auf den Alltag hinweisen. Einige exemplarische Erfahrungen, die wir persönlich im Nah- und Fernverkehr sowie im Bereich der S-Bahn Hamburg und der S-Bahn Berlin gemacht haben:

  • Hamburg Hauptbahnhof: Auf dem HBF HH gibt es nur jeweils einen einzigen Fahrstuhl vom Bahnsteig zur Wandelhalle. Adina reiste über Hamburg nach Prag auf Studienfahrt. Ankunft bei der Hinfahrt: Fahrstuhl defekt. Das Personal vor Ort interessierte sich nicht dafür, Adina wurde schließlich von Mitschülern über die Rolltreppe nach oben befördert. Eine Woche später auf der Rückfahrt: selber Fahrstuhl, selber Defekt.
  • Hamburg, U/S Barmbek: Ein Bahnhof innerhalb der S-Bahn Hamburg, der unserem damaligen Wohnort am nächsten war. Für uns leider unbenutzbar, weil über vier Jahre Wohnzeit in Hamburg ständig einer der Fahrstühle defekt war. Die Zahl meiner Beschwerden im ersten Jahr gipfelte ins Unermessliche, schließlich gab ich auf. Heute: selber Zustand. Noch nirgends habe ich dermaßen fehleranfällige und dauerdefekte Fahrstühle erlebt.
  • Berlin Hauptbahnhof: Seit einem dreiviertel Jahr nutzen wir regelmäßig den HBF Berlin. Mehrfach haben wir erlebt, wie Fahrstühle über mehrere Wochen hinweg mit einem „Außer Betrieb“-Schild geschmückt waren. Ja, auf den meisten Gleisen gibt es zwei Fahrstühle. Das Problem an den Fahrstühlen im Berliner Hauptbahnhof aber: sie sind unfassbar langsam. Wer oben auf dem S-Bahn-Gleis steht und auf einen Fahrstuhl wartet, der gerade eben nach unten gefahren ist, wartet bis zu 10 (in Worten: zehn!) Minuten, bis er wieder oben angelangt ist. Ein Ausfall eines der Fahrstühle verschärft das Problem gerade vor dem Wochenende noch zusätzlich.
  • Berlin, S Landsberger Allee: Mitte Juli fotografierte ich am ständig ramponierten Fahrstuhl an der Landsberger Allee (S-Bahn) einen Aushang: Fahrstuhl wegen Wartungsarbeiten bis voraussichtlich 31.08.2012 außer Betrieb. Das sind sechs (!) Wochen. In derselben Zeit rollen bei Volkswagen 80.000 Neuwagen vom Band.
  • Berlin, Stadtbahn: Im Frühsommer erlebten wir dort das nächste Highlight. Der Fahrstuhl vom S-Bahngleis an der Friedrichstraße war wegen geplanter Wartungsarbeiten außer Betrieb – wieder einmal für mehrere Wochen. Das wäre an sich noch tolerierbar. Als wir dann allerdings eben zurückgefahren sind zum Hackeschen Markt, um von dort aus mit ein wenig mehr Fußweg zum Google-Büro Unter den Linden zu gelangen. Spaßigerweise war aber auch dieser Fahrstuhl wegen geplanter Wartungsarbeiten außer Betrieb. Die S-Bahn Berlin hat es also tatsächlich fertiggebracht, entlang der Stadtbahnlinie in Berlin-Mitte gleich zwei zentrale S-Bahnhöfe nacheinander für Rollstuhlfahrer wochenlang unbenutzbar zu machen.
    1. Es ließen sich problemlos noch etliche weitere Beispiele aufzählen. Fakt ist aber: nicht nur unserer Erfahrung nach ist die obige Aussage nichtig. Fahrstühle sind bei der Deutschen Bahn ein echtes Dauerproblem, und egal, ob es sich um Vandalismus, Überalterung oder sonstige Ursachen handelt: es ist nicht tolerierbar, dass zentrale Bahnhöfe wochenlang für Rollstuhlfahrer nicht mehr benutzbar sind. Wohnungsgesellschaften schaffen es mittlerweile, Wartungsverträge für Fahrstühle in ihren Gebäuden abzuschließen, die eine Instandsetzung binnen eines Tages (!) garantieren.
      Auch das Projekt brokenlifts.org demonstriert auf traurige Weise, in welch desolatem Zustand gerade die Fahrstühle im Bereich der S-Bahn Berlin sind und welche riesigen Ausfallzeiten (teils über 200 Tage im Jahr!) hier anfallen.

      Wir möchten die Deutsche Bahn in aller Dringlichkeit auffordern, hier sofort tätig zu werden und für eine drastische Senkung der Ausfallzeiten von Fahrstühlen zu sorgen. Für ein modernes Unternehmen, als das sich die Deutsche Bahn versteht, ist es ein Unding, dass technisch recht primitive Einrichtungen wie Fahrstühle über Wochen hinweg durch Störungen oder wegen Wartungen lahmgelegt werden. Um der Dringlichkeit dieses Anliegens Ausdruck zu verleihen, unterbreite ich den Verantwortlichen für die Wartung und Instandhaltung folgendes Angebot:

      Ich stelle mich für jeden, der diese Selbsterfahrung möchte, als Begleiter zur Verfügung und geleite ihn einen Tag lang im Rollstuhl durch den Personenverkehr, um ihm Einblicke in all jene Hindernisse wie defekte oder nicht vorhandene Fahrstühle und andere Unwegsamkeiten zu gewähren. Bisweilen eröffnet Selbsterfahrung völlig neue Blickwinkel und erlaubt gänzlich neue Perspektiven. Gerne stehe ich per Email zur Verfügung, um einen Termin zu vereinbaren!

      Schlusswort

      Ich kann nicht oft genug betonen, dass wir uns durchaus bewusst sind, dass die Deutsche Bahn bereits daran arbeitet, barrierefreies Reisen für Rollstuhlfahrer umzusetzen. Wir möchten hier nicht gegen das Unternehmen hetzen, sondern konstruktive Hinweise auf Dinge geben, die innerhalb des Alltags schieflaufen und optimierungsbedürftig sind. Insgesamt fahren wir nämlich recht gern mit der Deutschen Bahn – auch mit Rollstuhl. Von Ausnahmen abgesehen.

      Foto: Deutsche Bahn AG

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