Gespräche mit der Bahn zur Barrierefreiheit

Piktogramme und Informationen im BahnhofEs ist nun einige Zeit ins Land gegangen seit meinem letzten Beitrag, in dem ich mich mit der Deutschen Bahn und den Belangen von Rollstuhlfahrern und anderen behinderten Menschen befasst habe. Inzwischen sind wir umgezogen, und die Deutsche Bahn hat intern nach Terminen für Telefonkonferenzen zwischen mir, dem Social Media-Team @db_bahn und den verschiedenen beteiligten Fachabteilungen gesucht. Inzwischen habe ich zwei Telefonkonferenzen mit unterschiedlichen Teilnehmern hinter mir und kann erstmalig wieder berichten, was sich seitdem getan hat.

Vergangenen Donnerstag fand die erste Telefonkonferenz statt, die allgemein unter dem Thema Deutsche Bahn und Barrierefreiheit stand. Beteiligt waren Frau Engel-Kuhn, Leiterin der Kontaktstelle für Behindertenangelegenheiten bei der Deutschen Bahn, Herr Schubert, Leiter Fachbereich Fahrtechnik, sowie Torsten von @db_bahn. Themen hier waren unter anderem die geschilderten Probleme, die wir hatten, als wir eine Reise in einem Fernzug ohne Rollstuhlabteil buchen wollten (zur Erinnerung: Im Rollstuhl mit der Bahn nach Prag – Kurztrip mit Hindernissen). Damals wurde meiner Partnerin die Einstiegshilfe verweigert, weil sich an Bord kein ausgewiesener Rollstuhlstellplatz befunden hat – wir hatten das Problem damals auf eigene Faust mit Hilfe engagierter Mitreisender und des Zugpersonals bewältigt. Frau Engel-Kuhn erklärte darauf, dass Reisende, die sich an Bord in einen normalen Sitzplatz umsetzen können, darauf bei der Mobilitätszentrale hinweisen können. Dann erhalten sie auch Einstiegshilfe, auch wenn kein Rollstuhlstellplatz vorhanden ist. Im Notfall müssen behinderte Reisende hierauf ausdrücklich bestehen.

Hier hakte ich ein: dass überhaupt Eurocities ohne Rollstuhlstellplatz im Verkehr sind, war für mich unverständlich. Herr Schubert erklärte mir daraufhin die Situation. Dieses Problem besteht hauptsächlich bei der Achse Dresden-Prag-Budapest und ist bei der Deutschen Bahn ein sehr präsentes Thema. Es resultiert aus Fahrzeugmangel bei der DB durch gesteigerte Kontrollintervalle und zudem daraus, dass sowohl die tschechischen als auch die ungarischen Partnerbahnen bislang überhaupt keine rollstuhlgerechten Wagen anbieten können – was sich bereits seit Jahren ändern sollte. Bislang ist diesbezüglich allerdings nicht passiert, und die österreichische ÖBB springt schon seit Jahren mit einem größeren Kontingent an Rollstuhlabteilen ein. Eine Änderung ist hier auf mittlere Sicht nicht absehbar, zumal auch Siemens mit der Auslieferung der neuen ICE-Generationen bekanntermaßen im Verzug ist.

Insgesamt verlief dieses Gespräch ohne weiteren Konsens, da ich einsehen musste: mehr geht momentan schlichtweg nicht. Immerhin nahm sich die Deutsche Bahn die Zeit, ausführlich die derzeitige Problematik beim Reisen mit Rollstuhl zu erläutern, versicherte aber glaubwürdig, dass an diesem Thema grundsätzlich intensiv gearbeitet wird. Meine größere Hoffnung lag daher auf dem zweiten Gespräch.

An der zweiten Telefonkonferenz mit der Deutschen Bahn rund um Reisen im Rollstuhl, die am gestrigen Montag stattfand, nahm neben dem Social Media-Team und Frau Engel-Kuhn auch Herr Schüssler von der DB Station & Service AG teil, die als Betreiberfirma für sämtliche Bahnhöfe auch für die Fahrstühle verantwortlich ist. In bisherigen Recherchen, Befragungen und auch Eigenerfahrungen haben sich eben die Fahrstühle im Bereich der DB als größtes Problem beim Reisen mit Rollstuhl herauskristallisiert. Zur Erinnerung: Auskünfte der Deutschen Bahn zu Barrierefreiheit im Regional- und Fernverkehr. Herr Schüssler erläuterte mir zunächst ausführlich die Organisation der Wartung und Instandsetzung der Fahrstühle und Fahrtreppen – insgesamt 2.700 in Deutschland. Er ging dabei auch speziell auf die Probleme stark belasteter Fahrstühle an Verkehrsknoten ein sowie auf Zielvereinbarungen, die bereits existieren.

Dieses Mal konnte ich allerdings einige Themen mehr vorbringen, die erfreulicherweise auch Anklang fanden. Mein Fragenkatalog umfasste einige Punkte, von denen einige bereits in Herrn Schüsslers Erklärungen beantwortet wurden. So wies Herr Schüssler auf ein Pilotprojekt in den Räumen Berlin und Hamburg hin, bei dem seit Oktober 2012 die Betriebszustände aller Fahrstühle und Fahrtreppen im Einzugsbereich online angezeigt werden (für Berlin: Aktuelle Störungen von Aufzügen und Fahrtreppen auf S-Bahnhöfen). Für dieses Pilotprojekt wurden sämtliche Fahrstühle mit Datenanbindungen versehen, so dass jeder Fahrstuhl seinen aktuellen Betriebszustand selbständig anzeigen kann. Das Projekt hat sich bewährt und soll nun sukzessive auf alle Fahrstühle ausgeweitet werden. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, die Menschen im Rollstuhl das Reisen mit der Deutschen Bahn deutlich erleichtert – ging mir allerdings noch nicht weit genug. Ich brachte vor, dass die BVG bereits seit einiger Zeit den Service anbietet, Email-Benachrichtigungen für die Betriebszustände ausgewählter Fahrstühle zu abonnieren. Dieses Vorschlag fand bei meinem Gegenüber Anklang, und Herr Schüssler versprach, diesen Vorschlag in die zuständige Fachabteilung einzubringen. Meine Frage, ob eine entsprechende Anzeige auch in den Fahrzeugdisplays an Bord bei der jeweiligen Station möglich wäre, wurde allerdings verneint. Die Fahrzeuge sind nicht permanent vernetzt, sodass eine synchrone Datenübertragung nicht möglich wäre.

Ein weiteres Thema war die geplante Wartung von Fahrstühlen. Zum einen konnte ich gleich mehrere Fahrstühle nennen, die für mehrere Wochen dauerhaft außer Betrieb gesetzt worden waren, was der anvisierten Verfügbarkeit von 95 Prozent deutlich widerspricht. Hier hakte Herr Schüssler nach und versprach, sich zu informieren, wie es zu diesen langen Ausfallzeiten kam. Zum anderen griff ich auch unser Beispiel auf, bei dem wir im vergangenen Jahr am Alexanderplatz gestrandet waren und erheblichen Fußmarsch in Kauf nehmen mussten, weil sowohl der Fahrstuhl am Hackeschen Markt als auch an der Friedrichstraße (für Nicht-Berliner: zwei direkt aufeinanderfolgende, zentrale Stationen im Bereich der Stadtbahn) für mehrere Wochen geplant außer Betrieb gesetzt worden waren. Auch hier ist künftig hoffentlich eine dezidiertere Planung zu erwarten – sofern logistisch möglich.

Insgesamt verliefen die Gespräche positiv. Ich bin Realist und habe keine Wunder erwartet, bin aber zu der Überzeugung gekommen, dass Barrierefreiheit und Mobilität im Bahn-Konzern durchaus ein großes Thema sind. Und ein paar kleine Anregungen, die uns das Leben leichter machen könnten, werden möglicherweise auch umgesetzt – hierzu werde ich in einiger Zeit ein Feedback erhalten.

Ich bin erfreut, dass man die Belange von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen bei der Deutschen Bahn immerhin so ernst nimmt, dass mit mir zwei Telefonkonferenzen zu diesem Thema geführt werden. Und ich danke insbesondere Torsten, Frau Engel-Kuhn, Herrn Schubert und Herrn Schüssler für ihre Zeit und bin gespannt, was sich daraus entwickeln wird.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Habt ihr weitere Anregungen, die bislang nicht genannt wurden?

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