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Übergriffe auf Rollstuhlfahrer: Gefahren vermeiden

Polizeifahrzeug Berlin

Foto: El Gran Dee/flickr.com (cc by 2.0)

Auch Rollstuhlfahrer werden immer wieder zu Opfern von Verbrechen. Raub, Diebstahl, schwere Körperverletzungen, auch Vergewaltigungen und andere Gewaltdelikte sind Straftatbestände, vor denen auch Rollstuhlfahrer nicht sicher sind. Neben Selbstverteidigungskursen speziell für Rollstuhlfahrer gibt es noch andere Methoden – denn auch Prävention spielt eine große Rolle. Und durch manche mittlerweile etablierte Verhaltensmuster können Rollstuhlfahrer zu einer leichten Beute werden. Was also sollten Menschen im Rollstuhl unbedingt vermeiden?

Vorwort: Den ethischen Aspekt von Gewalt gegen hilfslosen Personen lassen wir hier außen vor. Regelmäßig berichten Medien von Übergriffen auf Rollstuhlfahrer, meist ist die Empörung (durchaus zu Recht) groß. Letztlich ist allerdings jedes Gewaltdelikt unethisch, egal ob es sich gegen Rollstuhlfahrer, Alte, Kinder, Menschen mit Migrationshintergrund oder selbst gegen gestandene Bodybuilder handelt. Eine besondere Wertung möchten wir daher nicht vornehmen, sondern uns auf Präventionsmaßnahmen und Verteidigungsstrategien beschränken mit Fokus auf Rollstuhlfahrer. Auch geht es hier keineswegs bei der Aufschlüsselung von unvorsichtigen Verhaltensmustern keinesfalls um „victim blaming“, also eine Schuldumkehr vom Täter zum Opfer, sondern darum, aufzuzeigen, welche Verhaltensmuster potenziellen Tätern ihre Arbeit noch vereinfachen können.

Rollstuhlfahrer als besonders gefährdete Gruppe

Egal, ob geplante Straftat (wie beispielsweise ein Raubüberfall) oder Affekthandlung: die meisten Täter und Tätergruppen suchen sich Opfer, von denen wenig Gegenwehr zu erwarten ist. Kinder sind leicht einzuschüchtern, die Gefahr, von einem Rollstuhlfahrer oder Menschen mit anderen Mobilitätseinschränkungen verfolgt und gefasst zu werden, ist gering. Hinzu kommt, dass gerade Rollstuhlfahrer oft als eher schwache Ziele gelten, die aus körperlichen Gründen weder allzu große Gegenwehr leisten können noch schnell genug flüchten können. Aus Sicht eines Täters, dessen moralische Hemmschwelle durch die gezielte Planung einer Straftat ja ohnehin bereits gering einzuordnen ist, sind daher schwache Gegner wie Rollstuhlfahrer oder Kinder die ideale Zielgruppe.

Raubüberfälle vermeiden – geht das?

Bei vielen Rollstuhlfahrern ist eine Gemeinsamkeit zu beobachten, die auf viele Diebe nahezu beinahe wie eine Einladung wirken mag: ein offener Rucksack an der Rückenlehne, in dem Einkäufe, Portemonnaie und andere Wertsachen verstaut sind. Hier fallen Diebstähle besonders leicht – ein einfacher, schneller Griff in den Rucksack oder an die Gurte, um gleich den gesamten Rucksack mitzunehmen, reicht bereits aus. Auch das Portemonnaie ungeschützt auf dem Schoß liegen zu lassen birgt Gefahren. Einige Hersteller bieten beispielsweise Klett-Taschen an, die unterhalb des Schoßes vor dem Sitzkissen angebracht werden können, und in dem zumindest die wichtigsten Wertsachen wie Portemonnaie und Smartphone weitestgehend unsichtbar verstaut werden können. Unser Exemplar von Panthera ist dermaßen unscheinbar, dass es selbst bei Sicherheitskontrollen sowohl bei Festivals als auch am Flughafen glatt übersehen wurde.

Grundsätzlich ist die Taschenfrage bei Rollstühlen immer ein sehr schwieriges Thema. Durch ganz persönliche individuelle Anforderungen, wie beispielsweise ein eingeschränkter Drehradius um die eigene Achse, werden standartisierte Lösungen noch zusätzlich erschwert. Mancher Rollstuhlfahrer schwört eben auf seinen Rucksack an der Rückenlehne, manch anderer transportiert Gegenstände und Taschen lieber lose auf dem Schoß, andere haben eine Tasche unter den Beinen am Vorderrahmen des Rollstuhls montiert. Wichtig bei allen Lösungen ist, dass Wertsachen so verstaut sind, dass sie nicht dem direkten Zugriff von Dieben ausgesetzt sind.

Schwieriger wird es allerdings dann, wenn es um gezielte Raubüberfälle geht. So wurde einem rollstuhlfahrenden Freund von mir bereits zweimal das Smartphone geklaut – wobei es ihm einmal an einer Fußgängerampel unmittelbar aus der Hand gerissen wurde. Es ist fraglich, ob er das Smartphone hätte behalten können, wäre es zusätzlich gesichert gewesen. Mancher Dieb lässt sich davon abschrecken, andere geraten dadurch erst recht in Rage. Im Zweifelsfall würde ich grundsätzlich Gesundheit und Leben über Wertgegenstände stellen, wenn keine Selbstverteidigungsstrategien mit Aussicht auf Erfolg zur Verfügung stehen und auch anderweitig keine Hilfe zu erwarten ist. Gerade bei bewaffneten Tätern oder Tätergruppen dürfte es gesünder sein, nachzugeben. Allerdings gibt es auch durchaus Situationen, in denen auch Rollstuhlfahrer sich erfolgreich zur Wehr setzen können.

Selbstverteidigung im Rollstuhl?

In einigen deutschen Städten werden mittlerweile auch spezielle Selbstverteidigungskurse für Rollstuhlfahrer angeboten. Dabei werden insbesondere einige japanische Kampftechniken trainiert, die auch sitzend ausgeführt werden können. Zudem werden gezielt Angriffe auf die körperlichen Schwachstellen des Angreifers trainiert – leicht aus dem Rollstuhl zu erreichen sind beispielsweise das Schienbein, Hoden, die Magengrube und unter Umständen auch Kinn und Nase des Angreifers, zudem sind Achillessehne und Spann auch besonders gut mit dem Rollstuhl erreichbar. Dabei ist vor allem aber wichtig, Selbstbewusstsein auszustrahlen und von vornherein abzuwägen, ob die Situation so gerettet werden kann. Laute Hilferufe, um Passanten aufmerksam zu machen und direkte Aufforderungen zur Hilfe an einzelne Umstehende machen jeden Täter nervös.

Waffen hingegen sind eher zweischneidig zu betrachten. Pfefferspray wird häufig als Mittel der Wahl propagiert, birgt allerdings nach Ansicht der Polizei einige Probleme. Abseits des grenzwertig legalen Einsatzes hat die Polizei im Pilotprojekt beim Einsatz von Pfefferspray mehrfach die Erfahrung gemacht, dass Pfefferspray unter Umständen bei Tätern, die unter sehr hohem Adrenalin-Einfluss stehen, sogar gegenteilig wirken kann bis hin zu einer Art Blutrausch. Hinzu kommt, dass Pfefferspray bei sehr ungünstigen Windverhältnissen oder in abgeschlossenen Räumen (wozu auch Bahnen und Busse gehören) auch den Anwender außer Gefecht setzen kann. Man sollte also unbedingt abwägen, ob man wirklich auf Pfefferspray setzt, grundsätzlich macht es aber durchaus Sinn, es mitzuführen (Beispiel-Artikel 1, Beispiel-Artikel 2). Reizgas, das seit vielen Jahren ebenfalls zur Selbstverteidigung erhältlich ist, ist aufgrund der breiten Streuung des Mittels kaum sinnvoll einsatzbar. Eine Taschensirene (Beispiel-Artikel) hingegen hilft zumindest dabei, Umstehende auf das Geschehen aufmerksam zu machen – und kaum ein Angreifer mag es, plötzlich im Mittelpunkt zu stehen.

Fazit

Es ist sicher nur in begrenztem Umfang möglich, Gewalttaten gegen Rollstuhlfahrer abzuwenden – ebenso wie gegen jeden anderen Menschen. Dieser Artikel soll jedoch nicht verängstigen und dazu führen, dass sich Rollstuhlfahrer nicht mehr aus dem Haus trauen. Er soll anregen, eigene Verhaltensmuster zu überdenken und gedanklich mögliche Angriffe durchzuspielen, sich damit auseinanderzusetzen und so im Ernstfall nicht völlig unvorbereitet mit einem Straftäter konfrontiert zu werden. Geht aus dem Haus und habt Spaß, aber egal was ihr tut: gebt auf euch acht. Wägt ab, ob ein Selbstverteidigungskurs nicht auch für euch Sinn machen würde, und lebt ohne Angst.

 

1 Antwort
  1. Martina Hardt
    Martina Hardt says:

    Spontane Idee: vielleicht gibt es diese schnurdünnen dünnen Laptopsicherungen auch für Smartphones? So richtig wireless ist das dann natürlich nicht mehr ;(

    Wie wäre es mit den absolut wasserdichten und mittlerweile herzeigbaren Ortlieb-Radtaschen, die man dann temporär festschließt?

    Habe spontan noch das hier gefunden:
    Chip über den man Diebesgut finden kann: http://www.amazon.de/Kensington-K39771EU-Proximity-Android-Phone/dp/B00BZUR4HQ/ref=sr_1_fkmr0_2?s=computers&ie=UTF8&qid=1380041506&sr=1-2-fkmr0&keywords=Sicherheitschl%C3%B6sser+Smartphone

    Außerdem: ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, Leute pro-aktiv anzusprechen und widerzuspiegeln, wie man das Verhalten empfindet. Man muss da seine Erfahrungen sammeln und es kann immer auch mal nach hinten los gehen: Z.B. Ich habe das Gefühl, Sie beobachten mich – vielleicht täusche ich mich ja auch. Ich finde das gerade unangenehm. (oder ähnlich)

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